Welpenspaziergang: Ab wann, wie oft und wie lang?

Manchmal gleicht der Anblick auf deutschen Gehwegen eher einer mathematischen Übung als einem entspannten Ausflug mit dem neuen Familienmitglied. Da steht jemand am Wegrand, die Stirn in tiefe Falten gelegt, und starrt fast schon hypnotisch auf das Handgelenk, während der winzige Vierbeiner gerade erst anfängt, die Welt mit der Nase zu entdecken. Es ist dieser eine Moment, in dem die Zeiger der Uhr unerbittlich die magische Zehn-Minuten-Marke erreichen. Zack – Feierabend, Abmarsch nach Hause, egal ob das Hundekind gerade erst so richtig warmgelaufen ist oder noch mitten in einer spannenden Duftspur steckt. Nach über zwei Jahrzehnten mit unzähligen Welpenpfoten im Haus und im Herzen kennt man diese Unsicherheit nur zu gut. Es ist der verständliche, aber oft blockierende Wunsch, bloß keinen Fehler zu machen, der dazu führt, dass man starren Tabellen mehr Glauben schenkt als dem lebendigen Wesen am anderen Ende der Leine.

In unzähligen Ratgeberbüchern und Internetforen geistert diese berüchtigte Fünf-Minuten-Regel herum, als wäre sie ein in Stein gemeißeltes Naturgesetz. Pro Lebensmonat fünf Minuten Bewegung am Stück, heißt es da. Ein drei Monate alter Knirps müsste also nach einer Viertelstunde theoretisch wie ein erschöpfter Marathonläufer zusammenbrechen. Doch wer jemals einen Wurf Welpen im Garten beobachtet hat, weiß: Das Leben hält sich nicht an Stoppuhren. Diese Regel ist nicht nur schrecklich unflexibel, sie geht oft meilenweit an der Realität einer gesunden Entwicklung vorbei.

Es gibt sie eben, diese kleinen Unterschiede. Wenn die Wurfkiste sich leert und das Leben nach draußen drängt, zeigt sich schnell die individuelle Natur jedes einzelnen Hundes. Da flitzt der eine als geborener Entdecker unermüdlich durch das hohe Gras, während das Geschwisterchen vielleicht schon nach wenigen Minuten beschließt, dass ein Nickerchen auf einem sonnigen Stein die deutlich bessere Lebensentscheidung ist. Welpen sind Individuen, keine Maschinen, die nach einem einheitlichen Takt funktionieren. Eine pauschale Zeitvorgabe kann niemals der Komplexität eines wachsenden Körpers gerecht werden.

Viel entscheidender als das Ticken der Uhr ist doch die Frage, wie diese Zeit verbracht wird. Ein Hundekind, das im eigenen Tempo trödeln darf, das mal hier schnuppert und dort verweilt, belastet seinen Bewegungsapparat auf eine ganz andere, viel sanftere Weise als ein Hund, der im monotonen Gleichschritt über harten Asphalt gezogen wird. Es wird höchste Zeit, die Uhr in die Tasche zu stecken und stattdessen die eigene Beobachtungsgabe zu schärfen.

Ein richtiger Spaziergang, so wie man ihn mit einem erwachsenen Hund macht, um Kilometer zu schrubben oder die eigene Fitness zu polieren, hat in der Welpenzeit ohnehin nichts verloren. Wer mit einem Zwerg vor die Tür tritt, sollte das Wort „Strecke“ am besten ganz aus dem Wortschatz streichen. Es hat sich bewährt, sich eher hinter dem Hund zu halten und ihm – innerhalb eines sicheren Rahmens – die Führung zu überlassen. Wenn der Kleine beschließt, fünf Minuten lang einen einzigen Maulwurfshügel einer genauen Inspektion zu unterziehen, dann ist das für seine Entwicklung wertvoller als fünfhundert Meter stures Marschieren. Schnüffeln ist Schwerstarbeit für das junge Gehirn.

Ein oft vergessener Aspekt ist die Umgebung, in der man sich bewegt. Es macht einen riesigen Unterschied, ob die Pfoten über eine weiche, ruhige Waldwiese stapfen oder sich durch den Lärm und die Hektik einer Innenstadt navigieren müssen.In einer reizarmen Umgebung darf der Ausflug ruhig auch mal länger dauern, da hier die Seele baumeln kann und der Körper natürliche Pausen findet. In der Stadt hingegen prasseln hunderte Eindrücke gleichzeitig auf das junge Nervensystem ein: quietschende Bremsen, fremde Gerüche, Radfahrer und Menschenmassen. Hier ist der „mentale Akku“ oft schon nach fünf Minuten leer. Wer hier zu viel fordert, riskiert einen völlig überdrehten Hund, der abends einfach nicht in den Schlaf findet.

Man muss flexibel bleiben, denn genau wie wir Menschen haben auch Hunde gute und schlechte Tage. Wenn am Vormittag die Enkelkinder zu Besuch waren oder im Wohnzimmer eine wilde Toberei mit dem Plüschtier stattfand, braucht es nachmittags kein großes Abenteuer mehr. Ein erfahrener Blick erkennt die Zeichen der Erschöpfung sofort. Da wird sich plötzlich mitten auf dem Weg hingesetzt oder gar flach auf den Boden gelegt. Oder es schlägt ins Gegenteil um: Nach müde kommt blöd. Der Welpe fängt an zu schnappen, rast unkontrolliert im Kreis oder wirkt im Blick völlig glasig. Das ist kein Fehlverhalten, sondern ein Hilfeschrei, der signalisiert, dass das Maß voll ist. In solchen Momenten bricht man eben ab. Morgen ist auch noch ein Tag.

Entgegen der oft verbreiteten Panik vor Gelenkschäden braucht ein Welpe sogar moderate, abwechslungsreiche Bewegung, um überhaupt ein stabiles Skelett aufzubauen. Durch die natürliche Belastung beim freien Spiel werden die Knochen erst angeregt, Mineralstoffe einzulagern, und die Muskulatur wächst mit, um den Gelenken den nötigen Halt zu geben. Wer seinen Hund aus lauter Angst nur in Watte packt, riskiert, dass die koordinativen Fähigkeiten auf der Strecke bleiben. Es geht niemals um das Ob der Bewegung, sondern immer nur um das Wie. Ein gesunder Mix aus Ruhe und aktiven Entdeckungstouren ist das eigentliche Geheimnis.

Hinschauen statt Rechnen – das ist der Kern der Sache. Keine Tabelle der Welt kann so präzise sagen, was gut tut, wie der eigene Hund durch seine Körpersprache. Wenn der kleine Gefährte voller Lebensfreude über eine Wiese läuft, sollte man diesen Moment genießen, statt mit dem Zeigefinger auf dem Zifferblatt zu lauern. Diese ersten Ausflüge sind das Fundament für eine tiefe Bindung und keine Pflichtaufgabe, die man nach Plan abarbeitet.

Oft herrscht der Irrglaube, dass ein Welpe nach der Rückkehr sofort wie ein Stein ins Körbchen fällt. Doch oft rattert der Geist noch weiter, während der Körper vor Adrenalin strotzt. Wenn der Zwerg dann wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung flitzt, ist das kein Zeichen von Energie, sondern von Überforderung. Das Gehirn leistet jetzt Schwerstarbeit und muss die vielen neuen „Akten“ im Kopf sortieren. Ohne ausreichende Ruhepausen entsteht dort ein gewaltiger Stau, der sich in Stress entlädt.

Um diesen Übergang in die Entspannung zu meistern, helfen kleine Rituale. Kauen beruhigt zum Beispiel ungemein – ein passendes Kauholz ist fast wie Meditation für den Hund. Auch sollte im Haus nach dem Spaziergang nicht sofort das nächste Unterhaltungsprogramm starten. Sanfte Bewegungen und eine ruhige Atmosphäre signalisieren: Das Abenteuer ist vorbei. Ein fester Rückzugsort an einem ruhigen Plätzchen ist Gold wert. Manche Hunde brauchen anfangs sogar eine räumliche Begrenzung, um zu verstehen, dass jetzt Sendepause ist.

Man unterschätzt leicht das enorme Schlafbedürfnis eines jungen Hundes. Wir reden hier von achtzehn bis zweiundzwanzig Stunden am Tag. Wenn man diese Zahlen im Kopf behält, wird schnell klar, dass gar nicht so viel Zeit für ausgedehnte Wanderungen bleibt. Ein gut ausgeruhter Welpe ist lernfähiger, geduldiger und insgesamt viel ausgeglichener. Wer seinem Tier von Anfang an beibringt, dass auf jede Aktivität eine Phase der Erholung folgt, legt den Grundstein für einen gelassenen Begleiter.

Man sollte sich niemals unter Druck setzen lassen – weder von Tabellen noch von den klugen Ratschlägen der Leute im Park. Jedes Mensch-Hund-Gespann wächst in seinem eigenen Tempo zusammen. Wer mit einer Portion Herzverstand und einem wachen Auge für die Bedürfnisse seines Schützlings durch das erste Jahr geht, macht instinktiv das Richtige. Diese Zeit verfliegt ohnehin viel zu schnell, also sollte man sie voll und ganz auskosten, ganz ohne den mahnenden Blick auf die Stoppuhr.

Vielleicht wäre es eine schöne Idee, beim nächsten Spaziergang einfach mal darauf zu achten, wie sich die Körperhaltung des Hundes verändert, wenn er von weichem Boden auf harten Untergrund wechselt?