
Wer über Jahrzehnte hinweg Hunde gezüchtet, aufgezogen und durch unzählige Prüfungen geführt hat, betrachtet die Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht als ein bloßes Beisammensein, sondern als eine fortwährende Schulung des Herzens und des gegenseitigen Respekts. In diesem Miteinander spielt das Band, das beide verbindet – die Leine –, eine weit größere Rolle, als mancher auf den ersten Blick vermuten mag. Sie ist nicht nur ein Stück Material zur Sicherung, sondern ein Kommunikationsmittel, das über das Wohlbefinden, die Sicherheit und die geistige Ruhe des Vierbeiners entscheidet.
Ein Thema, das in Fachkreisen und unter erfahrenen Züchtern immer wieder für besorgte Blicke sorgt, ist die weite Verbreitung der sogenannten Roll- oder Flexileine. Es ist verständlich, warum diese Geräte in den Regalen der Fachgeschäfte so präsent sind. Die Hersteller werben mit Freiheit, Komfort und einer mühelosen Handhabung. In einer Welt, die immer hektischer wird, klingt das Versprechen einer Leine, die sich von selbst auf- und abrollt, für viele Menschen verlockend. Doch wer die Welt einmal konsequent aus der Sicht des Hundes betrachtet und die physischen wie psychischen Auswirkungen dieser Technik analysiert, erkennt schnell, dass diese vermeintliche Freiheit oft ein Trugschluss ist.
Zunächst muss man sich vor Augen führen, was Erziehung und Ausbildung im Kern bedeuten. Es geht darum, dem Hund Orientierung zu schenken. Ein Hund, der an einer herkömmlichen Leine oder einer gut geführten Schleppleine läuft, lernt mit der Zeit ganz genau, wie groß sein Bewegungsradius ist. Er speichert diesen Abstand unbewusst ab und passt seine Schritte an. Bei einer Rollleine hingegen ist dieser Radius eine ständige Unbekannte. Mal gibt die Feder drei Meter nach, mal stockt sie bei zwei Metern, und im nächsten Moment drückt die Hand am anderen Ende den Sperrknopf. Diese Unbeständigkeit führt bei vielen Hunden zu einer inneren Unruhe. Da der Hund nie genau weiß, wann die Begrenzung eintritt, beginnt er, permanent gegen den Widerstand der Feder anzuarbeiten. Er lernt auf die denkbar ungünstigste Weise, dass Zug zum Erfolg führt. Wer einen Hund möchte, der entspannt an lockerer Leine geht, legt sich mit einer solchen Vorrichtung oft selbst Steine in den Weg. Die Leinenführigkeit, die mühsam aufgebaut wurde, kann durch den dauerhaften Zug auf Halsband oder Geschirr innerhalb kürzester Zeit Schaden nehmen.
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt ist die ganz reale körperliche Gefahr. Die dünnen Schnüre oder Bänder dieser Leinen sind unter Spannung wahre Schneidwerkzeuge.
Es ist erschütternd, wie viele Berichte es über schwere Brandwunden oder gar tiefe Schnittverletzungen gibt, die entstanden sind, weil ein Mensch in einem Moment der Unachtsamkeit in die ausrauschende Leine griff oder weil sich die Schnur um die Beine eines Tieres oder eines Passanten wickelte. Im Spiel mit Artgenossen kann eine solche Leine zur tödlichen Falle werden. Wenn sich Hunde verfangen und in Panik geraten, schnürt das dünne Material Gliedmaßen ab, bevor der Mensch überhaupt reagieren kann. Auch das ruckartige Stoppen durch den Feststellmechanismus ist eine enorme Belastung für die empfindliche Halswirbelsäule des Hundes. Besonders kleine Rassen leiden unter diesen plötzlichen Schlägen, die ohne Vorwarnung durch den Körper gehen.
Man muss auch die psychische Belastung betrachten, die entsteht, wenn die Kontrolle über die Situation verloren geht. Gleitet dem Halter der klobige Plastikgriff aus der Hand, geschieht etwas Fatales: Der Griff scheppert hinter dem Hund her, angetrieben durch den Rückzugmechanismus. Für einen Hund klingt das wie ein angreifendes Etwas, das ihn unaufhörlich verfolgt. In blinder Panik rennen Tiere in solchen Momenten oft kopflos davon, über Straßen oder tief in den Wald, wo sie sich mit der Leine hoffnungslos im Unterholz verfangen können. Als Züchter bricht es einem das Herz, wenn man von solchen Unfällen hört, die durch eine einfache, solide Leine hätten vermieden werden können.
In der Ausbildung junger Hunde hat dieses Hilfsmittel nach fester Überzeugung vieler erfahrener Ausbilder keinen Platz. Ein Hundetrainingsplatz sollte ein Ort der Klarheit sein. Deshalb wird dort oft konsequent mit Schleppleinen gearbeitet.
Eine Schleppleine, idealerweise aus einem griffigen und wetterfesten Material wie Biothan, bietet eine ganz andere Form der Sicherheit. Sie ist schwer genug, um dem Hund eine Rückmeldung über seine Position zu geben, und sie erlaubt es dem Menschen, die Distanz sanft und kontrolliert zu regulieren. Vor allem aber ermöglicht sie dem Hund, den Rückruf unter sicheren Bedingungen zu erlernen. Die Schleppleine ist ein Werkzeug für den Übergang, bis das Vertrauen und der Gehorsam so gefestigt sind, dass das Tier im Freilauf sicher ist. Sie ist ein Lehrmittel, während die Rollleine oft nur eine Krücke für mangelnde Erziehung ist.
Es wird oft argumentiert, dass die Rollleine dem Hund mehr Bewegung ermögliche. Doch zu welchem Preis? Ein Hund, der an fünf oder acht Metern Schnur vorauseilt, entzieht sich oft der geistigen Führung seines Menschen. Es ist kein gemeinsames Wandern mehr, sondern ein Nebeneinanderherlaufen, bei dem der Kontakt abbreißt. Wahre Führungsqualität zeigt sich darin, dass der Hund sich auch ohne physischen Zwang am Menschen orientiert. Wenn die Kommunikation stimmt, braucht es keine Automatik, um den Hund in der Nähe zu halten.
Natürlich gibt es Lebenssituationen, in denen man Milde walten lassen kann. Ein sehr alter Hund, der vielleicht erblindet ist oder dessen Kräfte schwinden, der aber dennoch seine Nase im Wind halten möchte, kann an einer solchen Leine ein Stück Lebensqualität finden. Wenn die Erziehung abgeschlossen ist und der Hund ohnehin keine Ambitionen mehr hat, an der Leine zu reißen, ist das Risiko überschaubarer. Doch für den jungen, kräftigen oder gar jagdlich motivierten Hund ist sie ein Sicherheitsrisiko. Auch rechtlich und versicherungstechnisch begibt man sich auf dünnes Eis. Viele Versicherungen werten den Gebrauch einer solchen Leine bei Unfällen als fahrlässig, da die Einwirkungsmöglichkeit auf das Tier bei großer Distanz gegen Null geht.
Wer wirklich im Sinne seines Hundes handeln möchte, investiert Zeit in das Training der Leinenführigkeit und des Rückrufs. Es gibt nichts Schöneres, als einen Hund zu führen, der die Grenzen kennt und sich innerhalb dieser Grenzen frei und entspannt bewegt.
Eine gute Lederleine, die geschmeidig in der Hand liegt, oder eine leichte Stoffleine für den Alltag sind Zeichen einer bewussten Entscheidung für Qualität und Sicherheit. Man spürt durch das Material hindurch, was der Hund gerade empfindet – jedes Zögern, jedes Anspannen, jede Neugier wird über die Leine wie über einen feinen Draht übertragen. Diese feinsinnige Verbindung geht bei einem automatischen Gehäuse aus Plastik völlig verloren.
Man sollte sich immer fragen: Ist das, was bequem für den Menschen ist, auch fair gegenüber dem Hund? Die Antwort liegt oft in der Einfachheit. Ein Hund braucht keine modischen Kotbeutelhalter am Leinengriff oder neonfarbene Plastikgehäuse. Er braucht eine klare Führung, eine liebevolle Hand und die Gewissheit, dass sein Mensch in jeder Situation die Kontrolle behält. Die Arbeit mit einer Schleppleine mag anfangs mühsamer sein, man bekommt vielleicht schmutzige Hände und muss lernen, das Material geschickt auf- und abzuwickeln. Aber der Lohn für diese Mühe ist ein Hund, der lernt, auf seinen Menschen zu achten, der eine räumliche Vorstellung von seinem Wirkungskreis entwickelt und der letztlich viel entspannter durch das Leben geht.
Ein erfahrener Hundeführer weiß, dass man Vertrauen nicht durch mechanische Federn erkaufen kann. Es erwächst aus Beständigkeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich wirklich auf das Wesen am anderen Ende der Leine einzulassen.

